TOMAS SAUTER "DOUBLE LIFE"


Ralph Alessi –trumpet
Luzius Schuler –keyboards
Tomas Sauter -bass
Dominik Burkhalter –drums


Groove Reloaded

You only live twice … mit diesem Slogan warben vor einem halben Jahrhundert die Kinotrailer zum gleichnamigen James-Bond-Klassiker. Zur gleichen Zeit stiess Joe Zawinul am Fender Rhodes zur Band von Miles Davis, der damals mit Wah-Wah-Trompete gerade sein zweites oder schon drittes Leben als stilbildender Künstler begann. Der E-Bass war neuerdings im Jazz etabliert, das Zeitalter der Fusion eingeläutet. Alles längst Geschichte, werden manche sagen. Aber vielleicht trotzdem nicht zum Vergessen, möchte man einwenden. Denn trotz beängstigender Mengenausweitung im Jetztjazz schaffen es immer weniger Künstler, aus dem Schatten der Überväter herauszutreten, und nur ein noch erlauchterer Kreis lässt uns dank Authentizität und Identität auch im Nachhall grosser Tradition hinhören.

Tomas Sauter zählt zweifellos zu diesem illustren Zirkel. Begnadeter Komponist, Interpret, Gitarrist, der über Jahre immer wieder mit herausragenden Projekten und umwerfenden Alben aufhorchen macht und unterdessen ein beachtliches Oeuvre vorweist. Charakterstarker Kontrapunkt im marktschreierischen Jazzgewerbe, hat sich der stille Arbeiter als Garant für grosse Töne etabliert. Und plötzlich überrascht er als Bassist mit einem tiefgründigen Doppelleben!

… and twice is the only way to live! Vielleicht offenbart der bedeutsamere Nachsatz des alten Bondslogans ja das Geheimnis wahren Künstlertums: In Möglichkeiten leben, auswählen dürfen, worauf man Lust hat, weil man das Können – das war mit «Kunst» früher ja mal gemeint – und das Potential hat, seinen Neigungen freien Lauf zu lassen und die Freude am Kreativen der Karriereplanung voran zu stellen. Sauter münzt seine stupende Vielseitigkeit in Musikalität von seltener Leichtigkeit um, wechselt sein Instrument wie das Chamäleon die Farbe und bleibt doch Musiker durch und durch, getrieben von der Lust am Spiel.

Licence to play … Bass ist ja nun wirklich eine ganz andere Geschichte als Gitarre. Sauters Odyssee in die unbekannte Welt hätte leicht zur ziellosen Irrfahrt mit ungutem Ausgang ausarten können, wäre er nicht ein wahrer Musiker, der in jedem klanglichen Kontext den richtigen Platz und die passende Stimme findet. Bei allem technischen Potential als fingerfertiger Melodiegitarrist taucht Sauter in seinem neuen Quartett voll und ganz in die Rolle des Bassisten ein, der die Musik trägt und sich in keinem Moment in den Vordergrund spielt. Am Grund der Dinge und am Puls des Geschehens, fühlt sich Sauter in der neuen Rolle als Motor und Begleiter hörbar wohl wie ein Fisch im Wasser. Was auch immer er anfasst, wird Musik.

Ganz Boss am Bass, hat Sauter alle Stücke seines neuen Albums geschrieben und beweist damit, dass ganz andere Musik entsteht, wenn sie vom Bass her gedacht ist. Gestaltungswille und -vermögen des Leaders manifestieren sich hier über sublimere Kanäle, als wenn sich profilneurotische Trompeter ihre Themen entlang ihres High Ranges zurechtlegen. Sauters Tunes fliessen aus der Magie von Modalitäten und andersartigen, plastisch-dreidimensionalen Basspatterns, bei denen das Gitarristische als Inspirationsquelle Pate steht. Dazu kommen tänzerischer Touch und samtig-erdener, knurrender Sound, wie sie jedem Vollzeitbasser gut anstehen würden.

In den Fussstapfen eines Paul Jackson oder Darryl Jones legt Sauter einen zum wohligen Versinken einladenden Tieftonteppich, auf dem seine Band unwillkürlich alles richtig macht, um die guten Geister von «Bitches Brew» herauf zu beschwören und im besten Sinn dieser Tradition eine fulminante Musik zu kreieren, die unsere Hörgewohnheiten pulverisiert. Vergegenwärtigt man sich, wie wenig Bleibendes aus dem Grenzgebiet zwischen Rock, Pop und Jazz nach fünf Dekaden einer unüberschaubaren Schutthalde von übel gealterter Fusion gegenübersteht, so zeugt solch zeitgemässes Anknüpfen an die Geschichte von ganz tiefem musikalischem Verständnis.

Auch deswegen hebt Ralph Alessi auf «Double Life» total ab. Es will ja schon viel heissen, wenn der Trompeter der Stunde – das ist Alessi ja nicht erst seit seinem von der europäischen Fachpresse bejubelten ECM-Erstling von 2013 – für ein Projekt zu Seite steht, bei dem sich ein europäischer Bandleader auf seinem «Zweitinstrument» verlustiert. Doch wie er es tut, ist geradezu umwerfend. Schon bei der ersten Phrase zum Solo von «Heat Conversion» geht man zu Boden, um danach lange und genussvoll an- und schliesslich ausgezählt zu werden. Überhaupt muss bei der Session beste Laune geherrscht haben, so dass sich Alessi sogar zu ein paar Takes auf seinem ursprünglichen Erstinstrument, dem E-Bass, hinreissen liess! Herausgekommen sind dabei verblüffende Spontanduette mit Sauter. Und nebenbei erfährt man, dass dessen Ersatzbass genau gleich gut klingt wie Nummer eins …

Zwei zu Unrecht unbekannte Grössen runden das erstaunliche Quartett ab: Als «Double Life» aufgenommen wurde, drückte Luzius Schuler nebst Keyboard-Tasten vor allem noch die Schulbank an der Kunstakademie. Trotzdem beeindruckt er mit grandiosen Improvisationsbögen, melodiösen Höhenflügen über modale Moods und souveränem Comping. Dass ein Novize in einer Studiosession an der Seite von Ralph Alessi so viel Inspiration und Abgeklärtheit an den Tag legt, ist schlicht beeindruckend.

Dominik Burkhalter hat seinen Ruf als eine der ersten Adressen für knackige Beats in zahllosen und auch eigenen Bandprojekten zementiert. Mit dem Herz von Bernard «Pretty» Purdie und der technischen Supplesse von Marvin «Smitty» Smith glänzt Burkhalter einmal mehr durch druckvolle Präzision, irrwitzige Patterns und freche Fills. Was sich zeitweise nach einer spastischen Stolperpartie anhört, entlarvt genaues Hinhören als halsbrecherische Drum-Stunts, mit denen Burkhalter köstlich absurde Tanzbeats kreiert, die einzig ein reiferer John Travolta in Höchstform an Tarantinos Marionettenfäden sauber aufs Parkett legen würde.

Groove reloaded wäre die passende Stilschublade für das Album «Double Live». Wie ein unaufhaltbarer grosser Strom pulsiert, perlt und mäandriert diese Musik durch die Gefühlswelten, lässt uns abdriften, in uns versinken und uns schliesslich im Ätherischen verflüchtigen. So klingt Tanzmusik für die Zukunft. Ein Wechselspiel von unterkühlten Electronica und Herz erweichenden Mitsingrefrains, die den «Bee Gees» alle Ehre machen, alles mit jazziger Attitüde lässig, aus dem Moment heraus, offen für Überraschungen und mit unvergleichlichem Klangbewusstsein gespielt.